KRÄUTERWEIHE UND FRAUENDREIßIGER

FRAUEN, KRÄUTER UND DIE ZEIT IM AUGUST & SEPTEMBER

Es ist die Zeit des Spätsommers – mit Lughnasadh haben viele der zeitgenössischen Hexen Anfang August das erste Erntefest der Jahreskreisfeste gefeiert. Es ist auch die Zeit, in der noch einmal Kräuter gesammelt werden, sollen sie doch in dieser Zeit besondere Wirkkraft haben. Diese Zeit ist in einigen deutschsprachigen, v.a. den katholischen Gegenden, auch als Frauendreißiger bekannt. Was hat es damit auf sich, welche Bedeutung hatte das Kräutersammeln in diesen Wochen?

MARIA HIMMELFAHRT UND HEXEN

Das Wörterbuch der Grimms verrät uns recht kurz und knapp unter dem Stichwort „Krautweihe, Kräuterweihe“:

„himmelfahrt, Mariae, 15. Aug., wo in der kathol. kirche allerlei kräuter geweiht werden, die man zu mancherlei abergläubischem gebrauch das jahr hindurch aufhebt“

(Grimms Deutsches Wörterbuch 1873).

Wenn es um sogenannten ‚abergläubischen‘ Gebrauch geht, dann ist das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (ab 1927 und später) meist um keinen Eintrag verlegen. Hier findet sich Interessantes zu Kräutersegen, Kräuterweihe und – dem Frauendreißiger. Dazu verrät uns der Eintrag, dass mit den Frauendreißigern der Zeitraum zwischen Mariä Himmelfahrt (15. Aug.) und Mariä Geburt (08.Sept.) bezeichnet wird. Zwar hätten da die Hexen die Gewalt – aber die Natur sei freundlich. Worüber die Hexen die Gewalt hätten wird nicht weiter ausgeführt. Aber in diesem Zeitraum sei nun nichts giftig, wie zum Beispiel die sonst als giftig geltenden Kröten! Diese werden aber interessanterweise, ebenso wie das Wiesel, das in diesem Zeitraum nicht gefährlich sei, mit den Hexen in Verbindung gebracht… stattdessen seien die Tiere oder Körperteile von ihnen gegen Krankheiten verwendet worden. Ihre Wirkung war offenbar nicht schädlich, wie ihre Verbindung mit den Hexen hätte vermuten lassen.

Die Natur ist freundlich: Es sei insgesamt eine gute Zeit für Heilung, erläutert das Handwörterbuch weiter. Deshalb wurden Kräuter gesammelt, 7, 9, 21 oder auch 77 verschiedene Sorten, die dann meist zu Mariä Himmelfahrt in der Kirche geweiht wurden. Diese Büschel sollten gegen Unheil verschiedenster Art helfen – und gegen Behexung!

KRÄUTER & HEILUNG

Unter dem Stichwort „Kräutersegen“ berichtet das Handwörterbuch, dass bereits seit der Antike Wissen über die besondere Wirksamkeit von Kräutern, z.B. in Bezug auf Liebesangelegenheiten und zur Abwehr von Krankheiten, überliefert sei. Kräuter seien mit bestimmten Gottheiten verbunden, und Sprüche spätantiker Verfasser in Deutschland im frühen Mittelalter üblich gewesen.

Eintrag Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens

Allerdings „(…) Aufzeichnungen deutscher national-heidnischer Kräutersprüche (…)“ ließen sich nicht finden, heißt es im Eintrag. Vielmehr schien die Kirche bereits früh sicherstellen zu wollen, dass nur das Vaterunser und keine anderen Sprüche das Sammeln und die Nutzung der Kräuter begleitete – besondere Gebete, v.a. zu Mariä Himmelfahrt, fanden in der Kirche statt.

Es ließen sich seit dem 13. Jahrhundert Sprüche in Deutsch vorfinden, die in Anlehnung an klassische Sprüche der speziellen Pflanze gebietet, z.B. einen Schutz zu gewähren – aber im Namen Gottes: „Ich gebiute dir, edeliu wurz Verbena in nomine (…)“ lautet eines der angegebenen Beispiele. Auch im Namen von Maria seien Kräuter ‚gemahnt‘ worden, ihre Wirkung zu tun.

Die Kräuterweihe fand und findet meist an Mariä Himmelfahrt statt, der Tag wird auch als ‚Frauentag‘ bezeichnet. Der Eintrag im Handwörterbuch vermutet in dem entsprechenden Eintrag, die Kräuterweihe

„…ist wohl ein verchristlichtes Naturfest, ein Erntedankfest (darauf weist hin, daß der Kräuterbüschel vielfach die Getreidearten und andere Feldfrüchte enthält) bzw. dessen Vorfeier.“

Das stellt noch einmal die Verbindung zu Lughnasadh her. Und Lammas als eine weitere Bezeichnung für dieses Fest, soll sich auf die (mittelalterliche) christliche Praktik beziehen, aus dem ersten Getreide Brot für die kirchliche Gemeinde zu backen.

Königskerze

Die Zusammensetzung der Kräuterbüschel sei verschieden gewesen, die Königskerze aber oftmals Bestandteil. Unterschiedlichste ‚Frauenkräuter‘ können zusammengestellt worden sein, es gibt Vorschriften über 9, 12, 66, 72, 77 oder sogar 99 verschiedene Kräuter, so das Handbuch.

Der Eintrag verrät auch etwas über die mögliche Herkunft dieser Praxis: bestimmte Heil- und Nutzkräuter der Zusammensetzungen stammten aus Südeuropa und hätten über die Klostergärten Zugang zu den Bauerngärten gefunden.

ABERGLAUBE? VOLKSKUNDE?

Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens ist eine lexikalische Form mit Beiträgen zu verschiedensten Stichwörtern und deren Erläuterungen durch Verweise auf unterschiedliche Quellen, die es zusammenführen will.

Es versteht unter Aberglauben: „Feste und Bräuche, die auf alte Kulte zurückgehen, volksmedizinische Anweisungen, bei denen nicht ohne weiteres klar ist, dass sie auf naturwissenschaftlich begründeter Grundlage stehen, die Sagen, die mit Ausnahme der rein geschichtlichen meist nichts anderes sind als in Form von Erzählungen berichtet abergläubische Anschauungen, sind mit einbezogen worden.“

Damit wird ein Unterschied zwischen vorherrschender aktueller Religion, alten Kulten und Erzählungen, Volksmedizin und Naturwissenschaft aufgemacht. Dass dies eine nicht unproblematische (v.a. theologische) Bewertung beinhaltet thematisiert das Vorwort ganz offen. Die Herausgeber entschieden sich aber dennoch für den Begriff des Aberglaubens (und gegen „Volksglaube“), weil er für sie am ehesten den Bereich beschreibe, der thematisiert werden soll. Er verweise auf nicht- und vor-christliche Elemente, auch wenn die christlichen Praktiken teilweise mit beschrieben werden. Die Einträge sind damit auch eine Einordnung von Phänomenen im zeitgenössischen Kontext des Handwörterbuchs und zeigen Bedeutungswandel und Ambivalenzen auf.

Was jeweils ein AberGlaube ist, was eine naturwissenschaftliche Erklärung und was keine historische Tatsache sondern nur ein erzählerisches Element, verrät immer auch etwas über die vorherrschenden Weltbilder und ihre Experten. Ob nun Hexerei und Magie real sind oder nur abergläubische Illusion ist ebenso strittig wie die Annahme ihrer Realität tödliche Gefahr für die unter Verdacht stehenden Personen sein konnte. Damit ist die Problematisierung dieser bewertenden Einordnungen keinesfalls nur eine Frage wissenschaftlicher Spitzfindigkeiten.

Die ambivalente Bedeutung der Zeit des Frauendreißigers und die Verbindung zu Hexen, Kräutern und Frauen zwischen Bedrohung und Heilung kann durchaus als Hinweis auf Prozesse von Bedeutungsverschiebungen gelesen werden.

Nachlesen: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (1927 ff.), Hg. Hanns Bächtold-Stäubli, Berlin und Leipzig; Vorwort (Bd. I); „Kräutersegen“ und „Kräuterweihe“ (Bd. V, Sp. 437-446); „Frauendreißiger“ (Bd. II, Sp. 1775); „Hexe“ (Bd. III, Sp. 1869f.).

Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch (1873), „Krautweihe, Kräuterweihe“, Leipzig, Bd. V.

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