FRAGMENT Nr. 10: Silvia Federici

Dabei vertrete ich die These, dass die Verfolgung der Hexen, sowohl in Europa als auch in der Neuen Welt, für die Entwicklung des Kapitalismus ebenso bedeutend war wie die Kolonisierung und die Enteignung der europäischen Bauern.

Silvia Federici, Caliban und die Hexe, 2012, S. 14

Silvia Federici ist Philosophin und emeritierte Professorin in New York. Seit den 1970ern ist sie auch feministische Aktivistin und forscht und publiziert zu Pflege- und Fürsorgearbeit. Sie befasst sich mit marxistischer Theorie, Kapitalismuskritik und Commons – und aus diesen Perspektiven auch mit Interpretationen der historischen Hexenverfolgungen. In Caliban und die Hexe von 2004 (im engl. Original) bringt sie die Hexenverfolgung mit der Entstehung des Kapitalismus, Kolonialisierung und der Enteignung von Körpern, v.a. der Frauen, zusammen. Das Buch thematisiert Körperpolitiken und den Zusammenhang mit dem Kapitalismus als ein spezifisches sozio-ökonomisches System, das auf rassifizierenden und sexistischen Verhältnissen beruht.

Eine ihrer bekanntesten Thesen ist, dass die Hexenverfolgungen auch dazu dienten, Frauen in ein Weiblichkeitsbild zu zwingen, das die Erfordernisse der aufkommenden kapitalistischen Gesellschaft stützte und geprägt war durch Untergebenheit und Kontrolle von Reproduktion und Wissen.

In dem neueren Buch „Hexenjagd“ schreibt sie:

„Auf den Scheiterhaufen wurden nicht nur die Körper der >Hexen< vernichtet, sondern eine ganze Welt von sozialen Beziehungen, auf denen die gesellschaftliche Macht der Frauen basierte, und ein riesiger Korpus der Weisheit, der über Generationen von Frauen, von Mutter zu Tochter, weitergegeben worden war – das Wissen über Kräuterkunde, Verhütungs- und Abtreibungsmittel oder magische Mittel, um die Liebe von Männern zu gewinnen.“

Silvia Federici 2019, S. 149f.

In diesem Zitat stellt sie die Gründe für die Verfolgung von Frauen als Hexen in den Kontext von spezifischen Frauenwissen, das Heilkunde und Reproduktion, also Kenntnisse von Hebammen, betrifft. Diese ältere These der gezielten Verfolgung von heilkundigen Frauen und Hebammen ist durchaus umstritten und wird in der geschichtswissenschaftlichen Forschung zu Hexenverfolgungen in der Form als nicht nachweisbar angesehen.

Die besondere Nähe von Hexen zur Kräuter- und Heilkunde sowie zu Hebammen ist ein Narrativ, dass sowohl zu Zeiten der Hexenverfolgung durch die Schrift des Hexenhammers, des Malleus Maleficarum, verbreitet wurde, wie auch in der Rezeptionsgeschichte der Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit, z.B. durch Jacob Grimm wieder aufgegriffen und positiv gewendet wurde.

Das Narrativ der Magie treibenden und mit dem Teufel verbundenen Frau und gefährlichen Heilkundigen und Hebamme war sicherlich durch Flugblätter und Schriften bekannt. Die historischen Fälle und ihre Kontexte, die beispielsweise über Marburg bekannt sind, zeigen eine überwiegende Mehrheit von Anschuldigungen gegen Frauen, es gibt wenige Verfolgungen gegen Männer und Kinder. Die Mehrzahl der Fälle wie die von Heinrich Sanger und Catharina Staudinger verweist allerdings in erster Linie auf Umstände, die im Bereich nachbarschaftlicher und familiärer Beziehungen und deren Konflikte sowie Denunziation liegen: Diese Mechanismen sollten in ihrer Bedeutung für die Hintergründe der jeweiligen Fälle keinesfalls gering geschätzt werden. Der Faktor Geschlecht spielte eine Schlüsselrolle für die Hexenverfolgungen, ein Blick in die jeweiligen historisch-regionalen Kontexte zeigt aber weitere und unterschiedliche Dynamiken der Hexenverfolgungen.

Silvia Federici stellt neue Fragen an die Quellen und bringt diese auch mit aktuellen Entwicklungen von Hexenverfolgungen und Landenteignungen zusammen – ihre Arbeiten sind damit ebenso hochaktuell wie kontrovers!

Wie die Thesen von Silvia Federici die Gegenwartskunst inspirieren, können Sie im Interview mit der Künstlerin Malwine Stauss über ihr Künstlerinnenbuch HEXEN (2021) nachlesen.

Nachlesen:

Silvia Federici (2012), Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, Wien (engl. Orig. 2004).

Silvia Federici (2019), Hexenjagd. Die Angst vor der Macht der Frauen, Münster (engl. Orig. 2018), hier S. 149f.

Interview vom 21.01.2020 mit Silvia Federici zu reproduktiver und unbezahlter Arbeit von Frauen in Kontrast.

Kritisch zu den verschiedenen Faktoren der Hexenverfolgungen: Walter Rummel und Rita Voltmer (2012), Hexen und Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit, Darmstaft.

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