„WAS MACHEN DIE HEXEN?“ Künstlerinnengespräch mit Malwine Stauss

HEXEN* IM ATELIER

Sie treffen sich nachts, trinken zusammen Wein, rauchen und malen im Atelier. Das sind die Hexen* von Malwine Stauss, welche die Absolventin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in ihrem 2021 erschienenen Künstlerinnenbuch HEXEN ins Bild und ins Buch setzt. Malwine Stauss berichtet im Interview mit ANDERS[nicht]ARTIG über ihre künstlerische Perspektive auf Hexen* und Kunst, Geschichte und Macht, Farben und Formen, Abstraktes und Konkretes, Körper und Gefühle, Zuschreibungen an Geschlecht und an das, was wir als Natur bezeichnen. Wir sprachen über (automatisches) Malen als künstlerische Technik zur Selbstbestimmung und über Strukturen im System der Kunst und der Gesellschaft, die Stauss mit ihren Hexen* zu bearbeiten und zu transformieren sucht. Das Künstlerinnenbuch HEXEN erschien im Rotopol Verlag und wurde im Erscheinungsjahr 2021 von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher aus Deutschland prämiert.

Malwine Stauss zeigt optimistische Hexen*, die in ihren Bildern gemeinsam mit kosmischen, hermaphroditischen Schnecken dualistisches und hierarchisches Denken überwinden wollen. Die Arbeiten sind bezaubernd bunt, emotional und subversiv zugleich. Inspiration und Anregung zur Reflexion über die Rolle von Künstler*innen sind für sie mediumistische Künstler*innen wie Hilma af Klint. Dabei stellt Stauss mit ihrer intuitiven Malweise Fragen nach Kunst und Spiritualität, Inspiration und der Bewertung dessen in der Akademie, dem Kunstsystem und der Gesellschaft: „Was ist Inspiration? […] Gibt es Geister? […] Können Pflanzen fühlen? […] Was ist Intuition?“, erfragt ihr Buch genauso wie es Zuschreibungen zu „Frauen die nicht studieren dürfen […] Frauen die nicht ausstellen dürfen [… ] Frauen die nicht schöpferisch sind“ hinterfragt.

KÜNSTLERINNENGESPRÄCH MIT MALWINE STAUSS

Celica Fitz: Dein neues Buch Hexen basiert auf dem Diplomprojekt zum Abschluss deines Studiums in Leipzig aus dem Jahr 2019. Wie ist die Idee entstanden, Hexen als Thema für ein Buchkunstprojekt zu wählen?

Malwine Stauss: Ich hatte relativ jung angefangen an der Kunsthochschule in Leipzig Grafik und Buchkunst zu studieren. Dann war ich schnell schockiert von den Zuständen an der Hochschule, vor allem von den sexistischen und konservativen Strukturen. Ich habe realisiert, dass dies an vielen Hochschulen so ist. In der Kunst sind sexistische Strukturen immer noch sehr stark, viel mehr, als ich das erwartet hätte. Dennoch habe ich meine Freund*innen gefunden. Zum Diplom wollte ich genau zu diesem Thema arbeiten und die Erfahrungen aus dem Studium reflektieren. Ich hatte immer sehr dekorativ gearbeitet, mit vielen zarten Farben. Die Art und Weise wie ich Bilder mache wurde häufig abgewertet. Ich habe mich gefragt, woran das eigentlich liegt und ob das anders aufgenommen würde, wenn eine männlich gelesene Person meine Arbeiten gemacht hätte. Seit ich ein Teenager war habe ich mich für feministische Theorie interessiert und bin auf das Buch Caliban und die Hexe von Silvia Federici gestoßen. Ich komme aus einer christlichen Familie mit viel Tradition und habe versucht meinen Weg abseits davon zu finden: Zum Beispiel die Rollen von Frauen in der Bibel und ihre Erzählungen zu reflektieren, mit denen ich aufgewachsen bin. Das hat mich auf eine eigene Art geprägt. Die Rolle von Hexenverfolgung und Religion hat mich interessiert und ich habe dazu viel recherchiert. Ich habe versucht aus den ganzen Inhalten intuitive Bilder und Kapitel zu machen. So bin ich zu dem Buch gekommen. Das ist ein Thema, das mich schon sehr lange beschäftigt hat.

CF: Gleichzeitig ist die Leichtigkeit mit der du an das Thema gehst faszinierend. Deine Hexen* sind lächelnde junge Frauen. Sie spielen, sprayen, rauchen, malen und trinken und sind in bunte Kleidung mit zahlreichen Mustern gehüllt. Das entspricht nicht den Stereotypen von Hexen*bildern. Spielt du bewusst mit solchen Kontrasten?

MS: Ja, das ist meine Herangehensweise. Ich versuche Dinge die mich frustrieren in meiner Arbeit so zu transformieren, dass sie mir wieder Kraft und Hoffnung geben, sie zu etwas Positivem werden. So habe ich meinen Umgang für schwierige Dinge gefunden. Die Bilder entsprechen auch meinem Leben, meinen Freundinnen. Davon habe ich mich genauso inspirieren lassen. So, dass es mich stärkt. Eine Dozentin meiner Klasse meinte auch, dass es doch düsterer und schmerzhafter sein soll. Das ist in gewisser Weise auch mit drin. Aber nicht im Sinn, dass ich es abbilde. Sondern ich will diese düsteren Aspekte der Geschichte transformieren.

CF: Du verbindest Farben, Formen, Pflanzen mit Personen, um sie zu charakterisieren und sozusagen den Leser*innen vorzustellen. Manche Figuren sind zum Beispiel mit grünen Zacken umgeben, andere mit weichen, blauen, fließenden Formen und Pflanzen. Dabei stellst du in deinem Buch Fragen wie, „Warum sind Blumen schön?“ oder „Können Pflanzen fühlen?“. Das Verhältnis von Natur und Menschen wird derzeit viel diskutiert und versucht ohne Dichotomien zu denken. Wie stehen Hexen*, Kunst und Natur für dich in Zusammenhang?

MS: Was ich versuche zu vermeiden sind Zuschreibungen wie: Weiblichkeit und Natur sowie Männlichkeit und Technik. Das ist unter anderem ein Narrativ der NS-Zeit. Ich behandle Natur und Pflanzen ohne das reproduzieren zu wollen. Wie wir mit Pflanzen leben – und sie mit uns – ist manchmal auch etwas, das wir nicht ganz verstehen. Da liegt noch viel im Verborgenen – wie auch bei Hexerei, Magie, Intuition. Auch im Blick auf den Klimawandel: Seit der Industrialisierung zerstören wir den Planeten. Die Natur ist nur noch etwas das ausgebeutet werden kann. Es kann keine gleichberechtigte Kommunikation geben. Eine antikapitalistische feministische Theorie besagt, dass der weibliche Körper und die Natur diejenigen sind, die für Kapitalismus ausgebeutet werden. Kapitalismus und Patriarchat gehen da Hand in Hand.

CF: Farbe, Ornament und Pflanzen verbinden sich zu Formen, die alle gemeinsam diese intuitive Geschichte zu erzählen scheinen. Ich musste an wirkungsästhetische Konzepte denken, wie jene von Johann Wolfgang von Goethe oder theosophischen Gedankenformen und anthroposophische Farbtheorien. Spielen solche Farbtheorien eine Rolle für dich?

MS: Witzig, dass du das sagst. Ich habe eine Hausarbeit über den Vergleich von Goethes und Rudolf Steiners Farbtheorie geschrieben, daher hatte ich das Hintergrundwissen. Bei der konkreten Arbeit habe ich aber versucht mich nicht davon beeinflussen zu lassen. Die Bilder im dritten Kapitel, die stellen die Personen vor. Aber ich habe keine Symbolik dafür entworfen. Ich arbeite intuitiv und ordne Farben nicht direkt Attribute zu. Deswegen finde ich Hilma af Klint oder die spiritistischen Künstler*innen so interessant. Weil ich das kenne, eine Eingebung zu haben, das Bild einfach so vor mir zu sehen. Egal ob ich gerade etwas gesehen, nachgedacht oder gelesen habe und eine Idee habe – die versuche ich einfach zu Papier zu bringen. In diesem Buch habe ich mich erstmals so richtig, offiziell, darauf eingelassen.

Der intellektualisierte Zugang zu Kunst ist sehr dominant im Moment. Dieser intuitive oder emotionale Moment wird wegrationalisiert durch Theorie. Das ist nicht schlecht, das ist eine Möglichkeit ernst genommen zu werden. Die Theorie wird in einer Hierarchie über emotionale Arbeiten gestellt. Gerade deswegen wollte ich rein intuitiv arbeiten und diese Aura für mich erzeugen.  

CF: In deinem Buch formulierst du auch Fragen wie „Was ist Inspiration?“ oder „Bin ich ein Medium?“, hast du auch selbst Techniken wie Automatisches Malen ausprobiert oder Erfahrungen mit Mediumismus gemacht?

MS: Ja, ich habe Automatisches Malen noch nicht auf diese Art ausprobiert aber Berichte gelesen. Leute warten dann lange bis sie in eine Art Trance-Zustand kommen. Ich habe das Gefühl, dass ich aber so etwas in dieser Art schon oft gemacht habe: Gefühle mit Farben und Formen auszudrücken ohne das zu planen und ohne, dass sie mit einer herkömmlichen Symbolik funktionieren. Ich habe festgestellt, wenn ich Dinge lese oder erlebe, ich sie durch meine Kunst verarbeite – das könnte als Mediumismus bezeichnet werden, das ich in mir Einflüsse und Gedanken in eine Bildlichkeit transformiere.

CF: Du behandelst das Thema also mit ganz eigenen Techniken als Künstlerin. Auch deine Hexen* sind immer gleichzeitig auch Künstler*innen. Wie passen für dich Kunst und Hexen* zusammen?

MS: Die Zuschreibung und der Hexenbegriff sind komplex und in jeder Kultur anders. Teilweise ist es immer noch eine negative Zuschreibung und Grund für Verfolgung. Daher kann ich das nicht allgemein sagen, es sind meine eigenen Erfahrungen. Aktuell finde ich es interessant, dass der Begriff der Hexe im popfeministischen Umfeld zum Sinnbild der Ermächtigung selbstbestimmter junger Frauen wird. Was komplett anders ist, als ich mir in meiner Kindheit eine Hexe vorgestellt habe und es ist auch anders als in der Geschichte.

CF: Das Konzept ist sozusagen komplementär gedreht in diesen Diskursen. Gleichzeitig bleibt der Begriff stark emotional belegt.

MS: Es ist noch ein großes Thema, weil wir immer noch im Patriarchat leben. In Caliban und die Hexe schreibt Federici darüber, dass manche Hexen auch in der Lage waren, Abtreibungen durchzuführen und sich mit dem Zyklus auskannten. Das ist der direkte Weg, Macht über den eignen Körper auszuüben und über das eigene Leben zu bestimmen. Die Unterdrückung und Verfolgung von Hexerei hat für mich viel von der Kontrolle über weibliche Körper gelebt. Fragen danach wem der weibliche Körper gehört und wie er kontrolliert wird, das sind immer noch große Themen, die wir erleben müssen und mit denen wir uns rumschlagen müssen. Auch wenn es manchmal so wirkt, dass alle emanzipiert und gleichberechtigt sind: Das ist noch nicht so.

CF: Hexen und Vorstellungen von Weiblichkeit stehen in deinem Buch in einem ganz engen Kontext. Wir haben uns im Blog entschieden Hexe* zu schreiben, um zu kennzeichnen, dass das dieses Motiv, nicht unbedingt nur auf weiblich gelesene Personen angewandt wurde. Historisch wurden auch Männer und Kinder angeklagt. In deinem Buch hast zum Beispiel auch von ‚kosmischen hermaphroditischen Schnecken‘ geschrieben. Das Motiv kommt in Kugeln, Zöpfen, Ornamenten immer wieder auf. Unter einem Bild steht sogar „Auf alle Bilder hat sie Schnecken gemalt“. Was hat es mit diesen wiederkehrenden Spiralen, Kreisen, Knoten, Schnecken und dem Verhältnis von Gender und Hexen* in deiner Arbeit auf sich?

MS: Für mich ist die Herangehensweise seit ich denken kann aus der weiblichen Perspektive. Da von Anfang an die Unterscheidung gemacht wurde, war die weibliche Rolle untrennbarer Teil von meiner Identität. Das hat mich bestimmt und dagegen kann ich nichts machen. Das mag ich aber auch, ich habe diese Identität ausgelebt. Im Diplom habe ich mich mit Kritik am Dualismus beschäftigt. Bei Hilma af Klint habe ich viele Schneckenformen gesehen. Den Dualismus als Bild zu überwinden, das finde ich daran spannend. Das ist mein Weg von einer dualistischen Welt zu einem utopischen Zustand zu kommen, wo die Geschlechtertrennung nicht mehr so wichtig ist: Sich auch selbst zu ermächtigen, dieser Zuschreibung zu entziehen – wenn man das möchte! Es wäre freier, wenn an Geschlecht keine Hierarchien festgemacht würden. Mein Motiv der Schnecke lehnt sich an die Realität an, aber es ist auch eine utopische Vorstellung. Ich bin von der Weiblichkeit ausgegangen, da ich in diesem Diskurs lebe, den man aber vielleicht auch überwinden kann. Deswegen ist das auch der letzte Satz im Buch: „Sie sind alles dazwischen, so wie ich.“

Vielen Dank an Malwine Stauss für das schöne Gespräch und die Bereitstellung der Fotos von Hexen.

Alle Fotos + Buchkunst: © Malwine Stauss, 2021 www.malwinestauss.de

Nachlesen:

Malwine Stauss (Hrsg.): Hexen. Rotopol Kassel: 2021. ISBN 978-3-96451-014-3

Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Aus dem Engl. v. Max Henninger. Mandelbaum Verlag, Wien 2012.

Hintergrundinformationen über die Rezeptionsgeschichte der Hexenverfolgung in feministischen Kontexten im 20. und 21. Jahrhundert können Sie in unseren weiteren Beiträgen über HEXEN + FEMINISMUS nachlesen. Demnächst wird auch ein Beitrag über Silvia Federici veröffentlicht.

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