„… die Jungfer hab ihn gelehrt, wie ers machen solle“

Heinrich Sanger taucht in der Fachliteratur unter vielen Namen auf – möglicherweise. Heinrich Sanger, Hans Sang oder auch Heinrich Sander sind in der Literatur zu seinem Fall vertreten. Welcher ist der Name, unter dem ihn seine Zeitgenossen kannten? Verschiedene Quellen und Forscher*innen geben verschiedene Antworten. Der Einfachheit halber wird in diesem Beitrag der Name Heinrich Sanger verwendet. Auch, weil das interdisziplinäre Forschungsprojekt der Universität Marburg Der Fall Heinrich Sanger aus Biedenkopf 1631 – Hexenprozesse interdisziplinär diesen Namen verwendet, welches sich ausführlich mit seinem Fall befasst hat (die Ergebnisse werden voraussichtlich im Januar 2021 auf einer Tagung im Hessischen Staatsarchiv Marburg präsentiert). An dieser Stelle werfen wir schon mal einen kurzen Blick auf Heinrich Sangers Geschichte.

Der Fall Heinrich Sangers ist interessant – ein junger Mann von 15 Jahren bezichtigt sich 1631 selbst verschiedenster Delikte: dem Erlernen eines Liebeszaubers sowie Schadenszauber, ja sogar der Teufelsbuhlschaft (intime Beziehung mit dem Teufel). Auch für die Theologen und Juristen der Zeit ist der Fall von Interesse, schreiben sie doch Gutachten über Heinrich. Sein Fall endet tragisch, 1631 wird Sanger hingerichtet.

„ER VERSTÄNDE DIE KUNST, DAß IHN DIE WEIBER LIEB HÄTTEN“

Dem Historiker Ronald Füssel zufolge begann Heinrichs Fall mit der Beschuldigung seiner selbst: Ein Schneiderknecht habe ihn gelehrt, wie er seine Attraktivität bei den Frauen steigern könne. Wenige Tage später folgen weitere Selbstanklagen: die Teufelsbuhlschaft. In Form einer Jungfrau sei ihm der Teufel erschienen und „die Jungfer hab ihn gelehrt, wie ers machen solle.“ Um weiterhin Erfolg bei den Frauen zu haben, habe ihm der Teufel höchstpersönlich noch weitere Liebeszauber beigebracht, aber auch Schadenszauber. Einer der Liebeszauber sah zum Beispiel vor, der begehrten Frau eine Haarsträhne abzuschneiden, anzuzünden und durch ein gespaltenes Stöckchen eines Haselstrauchs zu ziehen. Dies sollte garantieren, dass die von ihm begehrte Frau nun ihm hinterherlaufe.

Haselnussstöckchen, Haarsträhne und Feuer

Die Marburger Regierung forderte postwendend die Einleitung des Verfahrens gegen Heinrich und forderte auch noch Gutachten der theologischen und juristischen Fakultäten Marburgs über Heinrich und seinen Fall an, um mehr Licht ins Dunkel zu bringen; denn die eher ungewöhnlichen Selbstbeschuldigungen Heinrichs, ohne diese im peinlichen Verhör (Folter) erzwungen zu haben, machten den Fall möglicherweise auch für die Marburger Regierung sehr interessant.

„…DOCH DIE SEELE, DIE CHRISTUS AUCH MITT SEINEM HEILIGEM BLUT ERLÖSET HATT, ERHALTEN WERDEN MÖCHTE“

Das theologische Gutachten zweifelte die Erzählungen Sangers stark an – er sei wohl vom Glauben abgefallen, mit seelsorgerischer Annahme könnte er jedoch womöglich wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Diese Einschätzung beruhte sicher auch auf dem jugendlichen Alter Sangers, hier ging man wohl davon aus, einen positiven Einfluss ausüben zu können. Ganz anders sah dies die Juristische Fakultät Marburgs – sie hielt Heinrich für schuldig und empfahl seine Verurteilung und Hinrichtung.

Am 30. Juli 1631 wird Heinrich Sanger hingerichtet. Seine Akte vermerkt: „Ist geschehen“.

Die Selbstbeschuldigungen Heinrichs werfen noch heute Fragen auf: Hatte er einfach nur vor Gleichaltrigen angegeben und sich mit seinem Erfolg bei Frauen gerühmt? War ihm klar, was geschehen konnte, wenn man mit Hexerei und Zauberei in Verbindung gebracht wurde? Auf diese und viele weitere Fragen werden wir heute wohl keine Antworten mehr erhalten können…

Mehr über den Fall Heinrich Sanger und die Gutachten der Juristischen und Theologischen Fakultät Marburgs können Sie im Januar 2021 auf der Tagung Zauberei ist deß Teufels selbs eigen Werk – Hexenglaube und Hexenverfolgung im regionalen und interdisziplinären Vergleich im Hessischen Staatsarchiv Marburg erfahren. Dort wird das interdisziplinäre Forschungsprojekt der Universität Marburg seine Ergebnisse vorstellen (mehr Informationen finden Sie auf der Webseite der Philipps-Universität Marburg HIER und in unserem Beitrag über das Forschungsprojekts HIER.

Weitere Fälle angeklagter Personen: Hier geht es zum Fall von CATHARINA LIPS

Über andere Formen der Anschuldigung erfahren sie HIER mehr

Nachlesen: Ronald Füssel (2020) Gefoltert, gestanden, zu Marburg verbrannt. Die Marburger Hexenprozesse, Marburg, hier: S. 123-125.

Walter Kürschner (1934) Geschichte der Stadt Marburg, Marburg.

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