ORTE DER HEXENVERFOLGUNG IN MR: „RABENSTEIN“ – DIE RICHTSTÄTTE

WEGE + ORTE | DAMALS + HEUTE

Der Weg einer der Hexerei für schuldig befundenen Person führte über verschiedene Orte und endete an der Richtstätte am Rabenstein. Welchen Weg hatten diese Personen hinter sich? An welchen Orten mussten sie sich aufhalten und wo wurde über ihre Prozesse entschieden? Welche Geschichte(n) sieht man diesen Orten heute noch an?

ZWEI BLICKWINKEL | ZWEI BEITRAGSSERIEN

Wie der Weg der Rechtsprechung diese Personen dorthin führte, beschreiben zwei korrespondierende Beitrags-Serien im Blog ANDERS[nicht]ARTIG. Diese Serien zeigen den Weg aus zwei Blickwinkeln und zwei Richtungen: Wir folgen einerseits dem Weg einer historischen Person und suchen andererseits danach, was an diesen Orten heute noch auf die Vergangenheit verweist. In der ersten Serie über den VERLAUF EINES HEXENPROZESSES versuchen wir den Weg einer historischen Person nachzuzeichnen: Von der Beschuldigung, über den Prozess bis zu dessen Folgen. Diese Serie zeigt, was den der Hexerei angeklagten Personen damals passierte. In der zweiten Serie schauen wir genauer auf die ORTE DER HEXENVERFOLGUNG.

ZURÜCK GEHEN: ORTE DER HEXENVERFOLGUNG AUS HEUTIGER PERSPEKTIVE BETRACHTET

Wir zeigen in der Serie ORTE DER HEXENVERFOLGUNG, was heute noch vor Ort von der Geschichte zeugt. Wir schauen von der Gegenwart ausgehend zurück: An jedem Ort – von der Richtstätte am Rabenstein über die Scheppe Gewissegasse, die Weidenhäuser Brücke, das Gericht am Markt und im Rathaus, der Neuen Kanzlei bis hin zum Marburger Schloss und dem Hexenturm – suchen wir nach Geschichte und Geschichten. In dieser Serie beginnen wir am Ende.

DIE RICHTSTÄTTE:

AN WAS ERINNERN WIR (UNS)?

Auf der ehemaligen Schwertrichtstätte wurde zuletzt 1864 jemand hingerichtet. Das ist dort lesbar. Es war der Mörder von Dorothea Wiegand, dessen Fall zuletzt 2015 in Marburg Aufmerksamkeit erregte, da er sich zum 150. mal gejährt hatte. Darauf stößt man in der Recherche zu diesem Ort in den Geschichten und Büchern über Marburg schnell. An diesen Mord aus dem Jahr 1861 – der vermutlich aus dem Affekt geschah, da der Schuldige Ludwig Hilberg von der ungeplanten Schwangerschaft seiner Geliebten erfuhr – wird mit einer Tafel an der sogenannten Mordeiche gedacht. Der Fall wurde als Mord am Dammelsberg populär. Dass hier von ca. 1517 bis 1695 auch zahlreiche Personen aufgrund von Hexereibeschuldigungen enthauptet oder erdrosselt wurden, wird an der ehemaligen Richtstätte nicht ersichtlich.

„RABENSTEIN“

Schön ist er heute, der Blick von der Parkbank aus über die Baumwipfel hinüber zur Stadt Marburg und dem repräsentativen Schloss. Und es war vielleicht der letzte Blick der Getöteten, nachdem sie ihren Weg nach ihrer Urteilsverkündung am Markt in der Oberstadt über die Weidenhäuser Brücke, durch die Straße von Weidenhausen entlang von Schaulustigen, über die Scheppe Gewissegasse oder den Kaffweg bergauf zur Richtstätte gegangen waren. Rabenstein werden solche Richtstätten genannt, angeblich da die sterblichen Überreste der Getöteten Scharen von Raben anzogen.

Dem Historiker Ronald Füssel zufolge gab es mehrere Richtstätten, spätestens seit 1591 wurden am heutigen Rabenstein nicht nur die Enthauptungen, sondern vermutlich auch die Verbrennungen durchgeführt. Eine Enthauptung oder heimliche Erdrosselung vor der Verbrennung galt als Akt der Gnade, insbesondere da dies als eine ehrenvollere Art des Sterbens angesehen wurde. Der Ort, an dem die Marburger Scheiterhaufen brannten, ist vermutlich hier. Das sah auch der Künstler Wilhelm Bauer so, der 1850 in seinem Gemälde der Hexenverfolgung vermutlich eine Szene mit Blick auf den Marburger Rabenstein zeigt.

DER UMBAU ZUR HEUTIGEN STÄTTE

Der Platz des Rabenstein lag zu Zeiten der Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert noch nicht in einem Waldstück. Er war weithin von der Stadt und von den Handelswegen über die Lahnberge aus sichtbar. Der heute halbrund ummauerte, erhöhte Platz (Schafott) wurde 1907 (um)gebaut. Ist bekannt, wie er zuvor aussah? Mit welcher Motivation wurde der Platz in dieser Formsprache (um)gebaut und zu einer Aussichtsplattform mit mehreren Parkbänken umgestaltet? Wenn Historiker*innen mitlesen: Schreiben Sie uns eine Nachricht, damit wir hier gemeinsam mehr zur Geschichte dieses Ortes zusammentragen können!

WIE UND AN WAS ERINNERN WIR?

Heute ist der Rabenstein Teil eines wunderschönen Wanderweges entlang der Bismarck Promenade. Nicht nur schlängelt sich der Weg derart gewandt durch den Wald, dass immer wieder pittoreske Landschaftsansichten auftauchen, es gibt auf den kleinen Nebenwegen hier viele Orte des Gedenkens und Erinnerns zu entdecken: dem lokalen Sänger und Dichter Dietrich Weintraut (1798-1870) ist die Weintrautseiche gewidmet, dem Politiker Otto von Bismarck (1815-1898) ein ganzer Park und dem Ehrenvorsitzenden des Marburger Verschönerungsvereins wurde zum 80. Geburtstag darunter ebenfalls ein Denkmal mit malerischem Ausblick und zahlreichen Parkbänken gesetzt. Die Kultur der (Marburger) Parkbank ist weiterer Zeilen würdig und wird an anderer Stelle zum Thema werden.

Entlang dieses Weges wird also einigen Personen und Ereignissen gedacht. An was möchten wir uns erinnern und erinnert werden, wenn wir an solchen Stätten vorbei wandern? Würde eine Information über die unschuldig getöteten Personen an der Stelle mit so schöner Aussicht helfen, den Ort besser zu verstehen? Wie können wir den mindestens 21 dort im 16. und 17. Jahrhundert wegen Hexereivorwürfen getöteten Personen zeitgemäß gedenken?

ORTE DER HEXENVERFOLGUNG IN MARBURG

KENNEN SIE GESCHICHTEN ÜBER DEN RABENSTEIN?

Schreiben Sie uns eine Nachricht, wenn Sie uns mit weiteren Geschichten und Informationen über den Rabenstein weiterhelfen möchten. Mit dem Absenden der Nachricht erlauben Sie uns, den Text auf dem Blog zu veröffentlichen. Schreiben Sie in die Nachricht, falls Sie eine Anonymisierung wünschen. Ihre Kontaktdaten dienen ausschließlich der Kommunikation zum Team und möglichen Rückfragen der Redaktion und werden nicht an Dritte weitergegeben.

Gemeinsam schreiben wir an der Geschichte des Rabensteins mit! Wir freuen uns auf Ihre Geschichte zum Rabenstein.

Nachlesen + Anschauen:

Ronald Füssel (2020), Gefoltert. Gestanden. Zu Marburg verbrannt. Die Marburger Hexenprozesse. Marburg, insb. S. 93-95.

Bericht der Oberhessischen Presse über den Mord an Dorothea Wiegand anlässlich eines historischen Stadtspaziergangs zum „Mord am Dammelsberg“ (Eine Bluttat, die ganz Ockershausen erschütterte, Katharina Kaufmann, 03/2015).

Alte Fotos der Weintrautseiche im Bildarchiv Foto Marburg.

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