ERINNERN AN DIE OPFER DER HEXENVERFOLGUNG IN MARBURG

Wie erinnert man Unrecht, dass vor Jahrhunderten geschah – und uns dennoch etwas angeht? Auch dieser Frage stellte sich das Themenjahr 2020 der Stadt Marburg „Andersartig. Hexen. Glaube. Verfolgung.“

Am zweiten Freitag des Juli 2021 kam das Themenjahr, das Corona-bedingt länger dauerte als geplant, zu einem würdevollen Ende. Aber das Erinnern an die zu Unrecht der Hexerei Angeklagten bleibt – und hat mit dem nun offiziell eröffneten Gedenkstein der Künstlerin Antje Dathe „Unschuld – Schuld“ einen Ort auf dem Lutherischen Pfarrhof bekommen.

Von diesem beliebten Aussichtsplatz in Marburg kann man hinüber sehen zum Rabenstein auf der anderen Seite des Lahntals, dem Ort, an dem auch die der Hexerei Verurteilten hingerichtet wurden.

Die Namen der 24 Getöteten stehen auf dem Rand des weißen, die Unschuld symbolisierenden Kreises, in dessen Mitte Worte wie „Schuld“, „Denunziation“ und „Intoleranz“ auf einem schwarz-spiegelnden Untergrund zu lesen sind. Die schwarze, ungleichmäßige Fläche, auf der das Denkmal ruht, versucht das Unverständliche, das, was wir vielleicht nicht genau wissen oder auch verstehen können aus einer Zeit vor mehreren Jahrhunderten, ins Heute zu holen. In den Boden eingraviert ist zu lesen:

In Gedenken an die unschuldigen Menschen, die zwischen 1517 und 1695 in Marburg Opfer der Hexenverfolgung geworden sind. Sie erfuhren systematisches Unrecht. Ihr Leiden ist uns Lebenden Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit miteinander.

Diese Worte griffen auch die Redner*innen bei der Einweihung des Gedenksteins auf und machten deutlich, dass die mit der Hexenverfolgung zusammenhängenden Themen der Ausgrenzung, Zuschreibung, Entmenschlichung und auch Kriminalisierung nach wie vor unsere Aufmerksamkeit und Engagement erfordern: für eine offene und tolerante Gesellschaft.

DIE OPFER DER HEXENVERFOLGUNG

„die Wirwettze/Wirwatze“

aus Marburg (1517 verbrannt)

Eva

(1582 verbrannt)

Schwester der Eva

(1582 verbrannt)

Mutter der Eva

(1582 enthauptet und verbrannt)

Johannes Köhler

aus Niederurff (gesteht in der Tortur, 1582 vermutl. hingerichtet)

Dorothea Hoffmann

aus Weidenhausen (1615 entlassen oder hingerichtet)

Hans Sang / Heinrich Sanger

aus Biedenkopf (1631 enthauptet und verbrannt)

Else Dietz

aus Bottendorf (1648 enthauptet und verbrannt)

Christine Morgen

aus Caldern (1652 enthauptet und verbrannt)

Elisabeth George

aus Kirchhain (starb 1654 bei der Tortur)

Anna Zimmermann

aus Kirchhain (hingerichtet 1654)

Christina Kilian

aus Kirchhain (event. enthauptet, verbrannt 1654)

Gertrud Happel

aus Kirchhain (event. stranguliert, verbrannt 1654)

Anna Klein

aus Marburg (1655 hingerichtet)

Elisabeth Seip

aus Cappel (1655 event. stranguliert, verbrannt)

Catharina Staudinger

aus Marburg (1656 verbrannt)

Anna Dörn/Dörr

aus Weidenhausen (1656 enthauptet und verbrannt)

Catharina Möller

aus Wehrda (1659 verbrannt)

Elisabeth Ott

aus Betziesdorf (1673 hingerichtet)

Catharina Lips

aus Betziesdorf (1672 Absolutia ab instantia, 1674 hingerichtet)

Anna Schnabel

aus Betziesdorf (1674 enthauptet und beerdigt)

Susanna Lauer

aus Wehrda (1681 verstirbt vermutl. in Haft)

Elisabeth Leuning

aus Rosenthal (1688 enthauptet und verbrannt)

Margarethe Weicker

aus Weidenhausen (stirbt in Haft 1695)

ABSOLUTIA AB INSTANTIA*

Frau des Trackel/Truckel Stieber

aus Marburg (1655 Absolutia ab instantia + Kaution + Urphede)

Maria Petri

aus Marburg

(1660 Absolutia ab instantia +

Kaution + Reinigungseid + Zehrungskosten)

Gertraud Zwick

aus Betziesdorf (1673 Absolutia ab instantia + Kaution + Unkosten)

Maria Vogel

aus Betziesdorf (1673 Absolutia ab instantia + Kaution + Unkosten)

Margarethe Diesse / Deiß

aus Schönstadt (1579 Tortur ausgestanden und vermutl. entlassen)

LANDESVERWEIS

Curt am Berge und seine Frau Elsa

aus Caldern (1552 Landesverweis)

Peter Hans Hermanns Ehefrau

gen. Platzelsa aus Anzefahr (1596 Landesverweis)

Elisabeth Kempfer

aus Marburg (1596 Landesverweis)

Elisabeth Leuther

aus Marburg (1596 des Landesverweis oder verbrannt)

Elisabeth Sack

aus Kirchhain (ca. 1638 Landesverweis)

Golda Ruben

aus Treis (1669 Pranger und Landesverweis)

Anna Catharina Wolff

aus Betziesdorf (1685 Landesverweis + Gerichtskosten +Urphede)

Maria Weigand

aus Bracht (1685 Landesverweis + Gerichtskosten + Urphede)

Jeremias Schneider

aus Marburg (1688 Geldstrafe)

_______ _______

Viele Opfer sind noch unbekannt, viele Akten fragmentarisch

DIE OPFER DER HEXENPROZESSE

Die Studie über die Opfer der Hexenverfolgung von Ronald Füssel anlässlich des Themenjahres in Marburg 2020 zeigt auf, dass in den Jahren 1517 bis 1695 nach Urteilen im Raum um Marburg mindestens 24 Personen getötet wurden. In 29 Fällen konnte er den Protokollen den Ausgang des Verfahrens entnehmen. Bei über 20 Fällen blieb das Urteil offen, die Untersuchung wurde wohl eingestellt. Wurden die Angeklagten für schuldig befunden, wurden sie verbrannt. Manche wurden zuvor enthauptet. Darunter waren zwei Männer und 22 Frauen. Die meisten davon wurden am Amt Marburg verurteilt, einige in umliegenden Ämtern in Oberhessen.

WEIT MEHR OPFER ALS VERURTEILTE

Es gab jedoch noch mehr Opfer: Nach Füssel verstarben Susanna Lauer aus Wehrda und Margarethe Weicker aus Weidenhausen in der Haft und Elisabeth George aus Kirchhain 1654 bei der Tortur (Folter). Mindestens sechs weitere Personen wurden des Landes verwiesen. Wir wissen wenig über diese Personen. Die Angaben können wir meist nur aus den Protokollen ihrer Gerichtsverfahren am peinlichen Halsgericht entnehmen. Was wir dort dokumentiert vorfinden, sind die Zeug*innenaussagen, die Aussagen der Beteiligten vor Gericht und die Umstände und Daten ihrer Folter, Ausweisung oder ihre Tode.

Siehe auch unseren Beitrag Opfer der Hexenverfolgung.

Nachlesen:

Ronald Füssel (2020), Gefoltert. Gestanden. Zu Marburg verbrannt. Die Marburger Hexenprozesse. Marburg, insb. S. 101-109, 191.

Christian Roos (2008), Hexenverfolgung und Hexenprozesse im alten Hessen. Marburg, insb. S. 53-58, 62, 71-91, 95.

Eva Bender (2020), Zauberei ist des Teufels selbs eigen Werk – Hexenglaube und Hexenverfolgung in Hessen. Text zur Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv Marburg [18. Feburar bis 14. August 2020]. insb. S. 16-17.

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