DER HEILIGE GRUND, WILDKRÄUTER UND GANZ BESONDERE PFLANZEN

Kräuter – und das spezielle Wissen über sie – sind ein großer Schwerpunkt in dem Themenjahr zur Hexenverfolgung. Kräuter findet man aber nicht nur in Gärten oder in diesem Jahr auch neben den Bänken der Marburger Heilkräuteroasen: Kräuter wachsen überall…

Ich bin mit Mariele zu einem Spaziergang in den Marburger Heiligen Grund verabredet, um über Kräuter zu sprechen. Außerdem kenne ich als Berlinerin diesen Ort immer noch nicht, von dem alle Marburger*innen erzählen. Seit dem Mittelalter heißt das als Streuobstwiese genutzte Tal Heiliger Grund, und es ist wirklich ein ganz besonders schöner Ort. Eine gute Gelegenheit zum Entdecken, habe ich doch mit der Kräuter- und Erlebnispädagogin Mariele eine Expertin für Wildkräuter an meiner Seite. Sie macht das erste Erkunden gleich zu einem besonderen Erlebnis der Begegnung mit Pflanzen.

Baumstumpf
Weißdorn

Der Heilige Grund ist eine Mischung aus vielen Gärten und einer Art riesigem offenen Garten, in dem viele Obstbäume wachsen, die im Moment noch Früchte tragen. Aber auch die Wildpflanzen sind jetzt in einer Phase, in der sie Früchte und Samen ausbilden, die fast immer essbar sind.

UNSERE BEZIEHUNG ZU PFLANZEN

„Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein, und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.“ Dieses Zitat wird dem antiken Arzt und Philosophen Hippokrates zugesprochen, erzählt mir Mariele. Nach einem kleinen Anstieg und den ersten Begegnungen mit Weißdorn (stärkt Herz- und Blutkreislauf) und Hagebutten (Vitamin C!) sitzen wir oberhalb des Heiligen Grundes und sprechen über ihre Arbeit und ihre Beziehung zu den Wildkräutern.

Heiliger Grund Marburg
Hagebutten

„Ich sehe in allen Pflanzen etwas Wohltuendes, eine Aufgabe… vielleicht nicht für mich, aber für irgendwen. Oder auch für den Boden und Tiere, wir müssen ja nicht alles nur aus anthropozentrischer Sicht denken.“

Mariele

Dieses Zitat beschreibt ihren respektvollen und doch auch pragmatischen Umgang mit den Pflanzen ganz gut, finde ich. Staunen und sich begeistern lassen möchte sie – und es gibt wirklich einiges zum Staunen. Die Wildkräuter wachsen am Wegesrand, auf Wiesen und im Wald und entgehen vielleicht manchmal unserer Aufmerksamkeit. Die geläufigeren Küchenkräuter wie Petersilie kennen wir aus Gärten oder den Kräutertöpfen der Fensterbank: Die Nutzung der oft aus dem mediterranen Raum angesiedelten Pflanzen wurde wohl v.a. über die mittelalterlichen Klostergärten bekannt. Die wild wachsenden Pflanzen haben es aber durchaus in sich.

VON FLUGSALBEN UND TOLLKIRSCHEN

Die Tollkirsche ist ein ganz besonderes Gewächs, das jetzt auch Früchte trägt, aber hier finden wir es nicht. Mariele zeigt mir ein Foto einer Tollkirsche, die sie vor Kurzem im Wald gesehen hatte. Sogar mir fällt sofort auf, wie strukturiert die Pflanze gewachsen ist: alle Abzweigungen wachsen immer in die vier Himmelsrichtungen. Von dem dünnen Hauptstamm verzweigen sich die Verästelungen und dort sitzen die großen dunklen Früchte. Bereits drei Beeren können ein Kind in Lebensgefahr bringen – man sollte auf keinen Fall einfach davon essen!

Tollkirsche

Das Nachtschattengewächs atropa belladonna (Tollkirsche) ist giftig und kann bewusstseinserweiternd wirken. Die Pupillen vergrößern sich, weshalb die Pflanze in der frühen Augenheilkunde Verwendung fand, so erzählt mir Mariele. Der lateinische Name der Tollkirsche bedeutet ‚die Schöne‘ und auch ‚die Todbringende‘ – wahrlich eine Schwellenpflanze, die sowohl Struktur wie Übergänge markiert, so Mariele. Belladonna wird meist mit ‚schöne Frau‘ in Verbindung gebracht. Und Atropos ist diejenige der drei griechischen Schicksalsgöttinnen, die den Lebensfaden zerschneidet…

Bei all diesen Eigenschaften und Zuschreibungen verwundert es nicht, dass die Tollkirsche ein wichtiger Bestandteil angeblicher Flugsalben der Hexen gewesen sein soll. Allerdings war vermeintlich auch ‚Kinderfett‘ ein weiterer Bestandteil der sogenannten Hexensalben – innerhalb der Konstruktion von teuflischen Hexensekten und Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit. Eine grauenhafte Beschuldigung. Auf die ohnehin umstrittenen Flugsalben gehe ich an dieser Stelle nicht näher ein, denn für den Moment möchte ich lieber die besondere Schönheit dieser selten zu findenden Pflanze betonen.

DIE LEHREN DES PARACELSUS

Die dunklen Beeren der Tollkirsche sind innerhalb der Signaturenlehre der Farbe „Schwarz“ und dem Planeten Saturn zugeordnet. Die dieser Kategorie zugeordneten Pflanzen haben meist eine giftige Wirkung und werden mit dem Tod, der Nacht, dem Schatten assoziiert. Die Tollkirsche als bewusstseinserweiternde Pflanze ermöglicht Einblicke in andere Welten, so heißt es…

Tollkirsche

Die Signaturenlehre wurde v.a. durch Paracelsus (auch bekannt als Theophrastus Bombastus von Hohenheim; 1493-1542) bekannt und ausgearbeitet. Sie beeinflusst noch heute alternative Heilmethoden und therapeutische Behandlungen, aber auch naturphilosophische Weltbilder, die Beziehungen zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen, den Elementen und Gestirnen herstellen.

Die Signaturenlehre schließt vom Äußeren, den Formen und Farben, auf das Innere, das Wesen und die Wirkung. Die Ähnlichkeit einer Blattform z.B. mit einem körperlichen Organ verrät etwas über die Wirkung und Heilkräfte. Bereits antike und mittelalterliche Lehren kannten die Signaturen – Paracelsus stützte sich in der Renaissance darauf und erweiterte sie zu einem komplexen Erkenntnissystem. Diese Prinzipien sind auch das Fundament der anthroposophischen Medizin.

LIEBLINGSKRÄUTER

Mariele und ich streifen weiter durch den Heiligen Grund, finden wilden Thymian und viele kleine Grashüpfer, die sich springend vor uns in Sicherheit bringen. Besonders beeindruckend ist ein mehrere Zentimeter großes, grasgrünes Heupferd.

Ein Lieblingskraut von ihr ist die Schafgarbe, sagt Mariele. Ein starkes Heilkraut und auch eines der bekanntesten ‚Frauenkräuter‘, weil sie hilft, den Zyklus zu regulieren. Sie gehört zu den sogenannten Venus-Gewächsen. Mit ihren vielen kleinen weißen Blüten fällt sie einem in der grün-braunen Wiese sofort auf.

Schafgarbe

Ihr lateinischer Name achillea millefolium verweist auf die antike Quelle: In der dem ca. 7. oder 8. Jahrhundert v.d.Z. zugeschriebenen Epos der Ilias ist Achilleus einer der Hauptakteure, der die Pflanze zur Wundheilung benutzt haben soll. Der Namenbestandteil millefolium bedeutet Tausendblatt.

Mariele macht mich auf das zauberhafte Gänsefingerkraut aufmerksam. Es wird auch Feen- oder Mondkraut genannt, erzählt sie. Es schimmert leicht silbern auf den grünen Blättern. An dieser einen Stelle finden wir es in großen Mengen. Für den Moment ist es mein Lieblingskraut – ich sehe es silbern im Mondlicht schimmern, während Feen durch die Gegend springen.

Mondkraut

Gleich nebenan findet sich die kleine Quelle: Sie ist eingefasst, und dort ist auch ein metallener Feuersalamander angebracht, zu Ehren der dort früher wohl öfter anzutreffenden Tiere. Feuersalamander spielen in der Alchemie und in so manchen Zauber-Praktiken eine Rolle – sein Drüsensekret soll psychedelisch wirken. Er ist giftig und wird daher auch den Hexen zugeordnet. Ein wahrlich magischer Ort, dieser Heilige Grund.

Und da sind wir wieder bei der besonderen Beziehung zwischen Pflanzen und nicht nur menschlichen, sondern vielfältigen Kräften, deren Kenntnisse mit Begriffen wie Magie, Aberglaube oder volkskundliche Traditionen benannt werden, weil sie nicht so ganz in das uns bekannte Wissen passen…

Mitgehen: Mariele Weber ist eine in Marburg ansässige Wildkräuterpädagogin, die Kräuterwanderungen und Pflanzenwerkstätten anbietet, um einen heilsamen, essbaren oder kreativen Zugang zu Wildkräutern zu schaffen. Als Umweltbildnerin und Abenteuer- und Erlebnispädagogin liegt ihr Schwerpunkt im pädagogischen Arbeitsfeld und darin, die faszinierende Welt der Wildpflanzen auch für Kinder- und Jugendliche erlebbar zu machen – aber auch für alle Anderen.

Nachlesen: Olaf Rippe u.a. (Hg.) (2004, 3. Aufl.), Paracelsusmedizin. Altes Wissen in der Heilkunst von heute, Aarau, hier S. 130ff., 149 und 157. (Das Buch berichtet aus nicht rein schulmedizinischer Sicht über Paracelsus, seine Lehren und das darauf aufbauenden Heilwissen.)

Mehr erfahren: „Magie der Kräuter“ der Stadt Marburg im Rahmen des Themenjahres: https://www.marburg.de/portal/seiten/magie-der-kraeuter-900002192-23001.html

Hingehen: Der Heilige Grund Marburg, oberhalb der Stadtwaldstr. in Ockershausen:

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