JAHRESKREISFEST MABON: 21.-23. SEPTEMBER

2021-09-21T15:57:00

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Mabon

Feste und Rituale im Laufe des Jahres und im Rhythmus der saisonalen Veränderungen finden sich in den unterschiedlichsten Traditionen. Die zeitgenössischen Hexen und modernen Wicca orientieren sich meist an acht verschiedenen Festen, wobei dies durchaus unterschiedlich gehandhabt werden kann. Zu den acht Festen gehören die vier Feste, die als dem keltischen Kalender entnommen gelten: Imbolc am 02. Februar, Beltane am 30. April, Lughnasadh am 01. August und Samhain am 31. Oktober. Dazu kommen die beiden Tag- und Nachtgleichen Ostara am 21. März und Mabon am 21. September sowie die Sommer- und die Wintersonnenwende Litha am 21. Juni und Yule am 21. Dezember.

MABON, ERNTEFEST, HERBST-TAG- UND NACHTGLEICHE

Mabon ist das Erntedankfest um den 21. September, an dem die letzte Getreideernte eingebracht wird. Das Korn wird geschnitten und sichert damit das Überleben im Winter. Es ist auch die Zeit der Tag- und Nachtgleiche, die in diesem Jahr hier auf den Nachmittag des 22. Septembers fällt.

Für unsere Gesellschaft, die Lebensmittel v.a. aus dem Supermarkt kennt, ist die Wichtigkeit einer reichen Ernte schwieriger nachzuvollziehen. Einen Hinweis auf die große Bedeutung in der Vergangenheit kann man indirekt auch daraus ablesen, dass das Handbuch des deutschen Aberglaubens auf mehreren Seiten über zahlreiche Praktiken rund um das Thema Ernte zu berichten weiß.

Haselnuss, lesend

Vielfach erwähnt werden Praktiken, die die ersten und letzten Garben, also Bündel aus Getreidehalmen, betreffen. Ihnen wohnt besondere Kraft inne, das Handwörterbuch schreibt: „Wie zumeist die letzte wird auch zuweilen die erste Garbe als menschengestaltige Darstellung des Vegetationsdämons geformt.“ Dieser befindet sich gewissermaßen in dem Korn und gewährleistet die Fruchtbarkeit der Pflanzen.

Auch dieses Fest ist ein Beispiel für die Einbindung in christliche Feiern, das Handwörterbuch beschreibt die Gleichzeitigkeit von christlichen und nicht-christlichen Praktiken: „Das E.fest ist teils zeitzauberisch, teils kirchlich festgelegt.“ Während das Datum lange Zeit beweglich an die Ernte gebunden war, wird heute kirchlich meist an einem Sonntag Ende September bzw. meist dem ersten Sonntag im Oktober gefeiert.

ZEITGENÖSSISCHE FEIERN

Die zeitgenössischen Hexen* feiern mit diesem Jahreskreisfest den Rückzug des Gottes als Korngott in die Unterwelt. Für viele Hexen* stehen die Göttin und an ihrer Seite der Gott als Verkörperung der Kräfte allen Lebens, der Natur, des Kosmos im Mittelpunkt vieler Rituale. Sie können konkrete Formen annehmen, z.B. als der irische Gott Lugh, der mit der Sonne assoziiert wurde (wie im vorangegangenen Fest Lughnasadh) oder dem Gott als Korn, der Vegetation, die im Jahresverlauf heranwächst und auch wieder vergeht. Mit der abnehmenden Sonnenintensität wandelt sich schließlich auch die Vegetation und zieht sich zurück. Diese Form von Ritualarbeit mit Göttinnen und Göttern gilt allerdings nicht für alle Selbstverständnisse von Hexen*.

Starhawk, Psychologin, Ökofeministin und sehr populäre Mitbegründerin der feministischen Ausrichtung von Wicca bzw. der sogenannten Reclaiming Tradition in den USA, beschreibt in ihrem Buch „The Spiral Dance…“ auch die Jahreskreisfeste. Zu Mabon schlägt sie vor, einen Altar mit Herbstfrüchten, Blumen und Getreide zu schmücken. Hierbei geht sie von einem Coven aus, also einem festen Kreis von Personen, die sich gemeinsam zu Ritualen versammeln, und eine Hohepriesterin und einen Hohepriester haben. Sie lässt dann die Hohepriesterin sprechen:

„Dies ist die Zeit der Ernte, des Danksagens und der Freude, des Abschiednehmens und der Trauer. Tag und Nacht sind nun gleich, in vollkommenem Gleichgewicht. Wir besinnen uns auf das Gleichgewicht und den Lauf unseres eigenen Lebens. Der Sonnenkönig wurde zum Herrn der Schatten und segelt gen Westen: Wir folgen ihm in die Finsternis. Das Leben neigt sich dem Ende zu. Die Zeit der Unfruchtbarkeit ist über uns gekommen, doch wir sagen dank für die eingebrachte Ernte. Wir kommen zusammen und drehen das Rad und weben den Faden des Lebens, der uns durch die Finsternis geleiten wird.“

(Starhawk, Der Hexenkult…)

Es folgen weitere Bestandteile eines längeren Rituals, welches das Werden und Vergehen innerhalb des Jahreszyklus thematisiert und für diesen Zeitraum die Dankbarkeit für Fülle und Ernte betont. Gott und Göttin haben während des Jahreskreises und den dazugehörigen Ritualen unterschiedliche Bedeutung – während sich die Göttin wandelt ist es der Gott, der stirbt und wiedergeboren wird. Die Menschen stehen in Verbindung mit ihnen:

„Wir sind eins mit der Göttin, mit dem Gott. Wenn der Kraftkegel emporsteigt, wenn eine Jahreszeit die andere ablöst, erwecken wir die Kraft in unserem Inneren; die Kraft zu heilen, die Kraft, unsere Gesellschaft zu verändern, die Erde zu erneuern.“

(Starhawk, Der Hexenkult…)

Die Jahreskreisrituale verbinden damit die äußeren und inneren Zyklen miteinander – individuelle Erfahrungen von Wachsen und Vergehen werden damit innerhalb der Abläufe der Natur im Jahreszyklus erlebbar praktiziert.

DER GOTT, DIE VEGETATION UND WISSENSCHAFTLICHE THEORIEN DES 19. JAHRHUNDERTS

Der angesprochene unfruchtbar gewordene Sonnenkönig, der sich in der dunklen Jahreszeit zurückzieht, ist eine andere Interpretationsform dessen, was bereits im Handwörterbuch als ‚Vegetationsgottheit‘ bezeichnet wurde.

Die Idee, dass es Fruchtbarkeitskulte mit einer Göttin und ihrem im Jahreszyklus wachsenden und sterbenden Gott gab, wurde auch durch den Anthropologen James George Frazer geprägt (auf den auch das Handwörterbuch verweist).

Der Philologe und Religionsethnologe Frazer schrieb über Korngeister und das Töten des göttlichen Königs – Motive, die auch im Ritualkontext der zeitgenössischen Hexen* auftauchen. Bereits Lughnasadh am 1. August thematisierte den göttliche (Sonnen)König Lugh, der mit dem Land verbunden sein soll.

Dies ist auch ein Beispiel für den Einfluss wissenschaftlicher Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts auf die Entwicklung moderner religiöser Bewegungen. Die Faszination für keltische Literatur bzw. Mythologie und Kultur lässt sich daran bereits zu diesem Zeitpunkt ausmachen – und sie bestand und besteht weiter, bis wahrscheinlich in den 1970ern die Bezeichnung ‚Mabon‘ für das Fest der Herbst-Tag- und Nachtgleiche eingeführt wurde.

Wie schon der Gott Lugh Teil des keltischen Sprach- und Kulturraums war, ist mit ‚Mabon‘ der walisische Name für den Gott der Jugendlichkeit, Sohn von Modron, ebenfalls dem zugeordnet.

Die bekannten Schriften des sogenannten ‚Mabinogion‘, einer mittelalterlichen walisischen Schriftensammlung des späten 11. Jahrhunderts bis Mitte des 13. Jahrhunderts, berichten über Helden, Götter und König*innen. Mit dem Motiv eines göttlichen Königs und seiner engen Verbindung zu Land und Vegetation findet die große Bedeutung der Beziehungen zur Umwelt, Natur und den Jahreszyklen innerhalb der Formen zeitgenössischer Hexerei/ Witchcraft wie auch neo-paganer Gruppen einen konkreten Ausdruck. Gleichzeitig stellt es einen Bezug zu bestehender historischen Literatur und überlieferten Praktiken dar.

Für das Jahreskreisfest Mabon um den 21. September lassen sich, wenn für die meisten Stadtmenschen das Binden von Getreidegarben schwierig sein dürfte, zahlreiche Früchte sammeln, um die Erntezeit zu thematisieren. Der Moment großer Fülle beinhaltet zu diesem Zeitpunkt bereits den Beginn der unfruchtbareren Zeit. Die Samen aber warten in der Erde auf die wärmeren Tage. Starhawk lässt den Hohepriester während des Rituals sagen: „Das Korn des Herbstes ist die Saat des Frühlings.“

Tag und Nacht befinden sich im Gleichgewicht.

Nachlesen: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin und Leipzig, „Ernte“, Bd. II, 1929/30, Sp. 939-263, hier 955.

Starhawk (1992): Der Hexenkult als Ur-Religion der Großen Göttin, Freiburg (dt. 1983; engl. Original: The Spiral Dance. A Rebirth of the American Religion of the Great Goddess, 1979), hier S. 251 und 267f..

James George Frazer (1991), Der Goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker, Hamburg (dt. 1928, engl. 1922, Erstveröffentlichung 1890).

„The Ritual Year: Neo-Pagan Holidays and Festivals“ in Encyclopedia of Modern Witchcraft and Neo-Paganism (2002), Shelley Rabinovitvh, James Lewis (Hg.), New York.

„Mabinogion“, in Encyclopedia of Religion, Lindsay Jones (Hg.) Farmington Hill 2005, Bd. 8, S. 5545 ff.

Nachschauen: https://reclaiming.de/

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