FRAGMENT Nr. 9: „That bitch, that witch, she’s back.“

„That bitch, that witch, she’s back.“

Sarah Faith Gottesdiener, The Moon Book, S. 2

In ihrem Buch über Mond-Magie beschreibt die in L.A., USA, lebende Künstlerin Sarah Faith Gottesdiener Wege, mit dem Mond und den Zyklen zu leben und magisch zu arbeiten. Denn der Mond, so betont sie, ist für alle da. Mit seinen Zyklen zu arbeiten ermögliche eine andere Erfahrung von Zeit und andere Erfahrungen mit sich selbst: Dem linearen Zeitverständnis in unseren kapitalistischen und leistungsorientierten, auf ständigen Fortschritt ausgerichteten Gesellschaften können andere Verständnisse von zyklischer Natur und den eigenen Bedürfnissen entgegengesetzt werden.

Damit formuliert Sarah Faith Gottesdiener wie viele andere zeitgenössische Hexen eine Kritik an aktuellen politischen Verhältnissen, Ungleichheiten und Unterdrückung sowie der Zerstörung der Umwelt. Auch Magie und Hexen wurden und werden unterdrückt, so Sarah Faith Gottesdiener, und sie schreibt, dass der Mond seit langem mit Hexen in Verbindung gebracht werde, aber auch mit dem Unbekannten, der Nacht, dem Unheimlichen und Unbewussten… Was man nicht kontrollieren kann, das fürchtet man, und das unterdrückt man.

Ihre Kritik richtet sich damit an kontrollierende Systeme wie das vorherrschende weiße Patriarchat, welches bestimmte Personengruppen als anders markiert, ausschließt, abwertet. So wie die Hexen, aber auch weitere Gruppen:

„What one could not explain, one could not control. What could not be controlled was demonized, exploited, extracted, locked up, killed. Indigenous people. Black people. Queer people. Trans people. The feminine. The wild women. The witch.

But she’s back. That bitch, that witch, she’s back.“

Sarah Faith Gottesdiener, The Moon Book, S. 2

Die Hexe ist zurück. Und mit ihr die Magie. Mit dem Mond zu arbeiten ermöglicht in dieser Perspektive eine andere, stärkende, selbstbestimmtere, vielleicht widerständige Lebensweise.

Der Mond ist für alle da – und Sarah Faith Gottesdiener spricht sich auch gegen eine besondere Beziehung des ‚weiblichen Körpers‘ mit dem Mond aus. Sie versteht Geschlecht als nicht an bestimmte Körpermerkmale gebunden, niemand sollte über die geschlechtliche Identität und Körper anderer bestimmen dürfen. Die Kraft göttlicher Weiblichkeit, divine feminine, die auch mit dem Mond assoziiert ist, auch sie ist für alle da. Ein Feminismus, der nicht konsequent alle Menschen einschließt, ist für Sarah Faith Gottesdiener kein Feminismus.

Die alle Menschen einschließende und patriarchale Strukturen überwindende feministische Vision wäre demnach, Gemeinschaften zu entwickeln, die auf Vertrauen, gegenseitigem Respekt und verständnisvollem Zuhören basieren: „The cultivation of communities based on trust, mutual respect, and deep listening.“

Hexen & Feminismus – das geht schon lange zusammen. Öffentlich auf den Straßen bei Demonstrationen für körperliche und sexuelle Selbstbestimmung und das Recht auf Abtreibung seit den 1970ern. Auf Plakaten, die proklamieren: „We are the granddaughters of the witches you were not able to burn.“

Auch Pam Grossman, die v.a. durch ihren langjährigen Podcast bekannte und bekennende Hexe, spricht sich immer wieder für einen Feminismus aus, der kritisch gegenüber allen Formen von Unterdrückung ist. Diese feministische Position stellt sich gegen patriarchale, (neo-)koloniale und neoliberale kapitalistische Systeme und versteht sich als offen für all-genders und queere Positionen.

Für viele zeitgenössische Hexen geht es also auch um politische Positionen: Magie und das Selbstverständnis Hexe/ witch stehen für andere Formen des Miteinander und der Beziehungen mit der gesamten Umwelt. Die Hexe war für diese Forderungen schon immer eine wichtige Verbündete.

Nachlesen

Sarah Faith Gottesdiener (2020), The Moon Book. Lunar Magic to Change Your Life, New York, hier S. 2 und 19.

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