FRAGMENT Nr. 7: „…eine ‚striga‘ sei und Menschen verzehre…“

“Wenn jemand, nach Art der Heiden, getäuscht durch den Teufel, glauben würde, daß irgendein Mann oder eine Frau eine ‚striga‘ sei und Menschen verzehre, und sie deswegen verbrenne oder deren Fleisch zum Essen gibt oder sie selbst ißt, wird er mit der Todesstrafe bestraft werden. Wenn einer einen Menschen dem Teufel geopfert und nach Art der Heiden den Dämonen angeboten hat, der möge des Todes sterben.“

(Capitulatio de partibus Saxoniae, Übersetzung nach Rainer Decker)

782 erließ Karl der Große (747-814), vermutlich auf einer Reichsversammlung in Lippspringe, diese Verfügung über die Todesstrafe beim Verspeisen von oder Glauben an striga. Kurz zuvor hatte er die Sachsen in Norddeutschland besiegt. Die Capitulatio de partibus Saxoniae sollte die Integration Sachsens in das Frankenreich und die Existenz der Kirche in Sachsen sichern. Seit 772 führten Karl der Große und das Frankenreich einen Krieg gegen die Sachsen, der auch noch bis 804 andauern sollte. Zu Beginn handelte es sich um Grenzkriege, im Laufe der Jahre änderte sich jedoch Karls Ziel und er war auf die Unterwerfung der Sachsen und die Einbeziehung ihres Territoriums in das Frankenreich aus. 782 war er damit erfolgreich und seit den frühen 780er Jahren sah sich Karl nur noch vereinzeltem Widerstand gegenüber.

Über die Sachsen ist in vorchristlicher Zeit nur wenig bekannt, erst seit dem 8./9. Jahrhundert liegen schriftliche Quellen vor – davor muss die Geschichte über archäologische Quellen erschlossen werden. Jedoch geben uns Quellen, wie die Capitulatio de partibus Saxoniae zum Beispiel, Aufschlüsse über damals bestehende Verhältnisse bei den Sachsen. Denn durch die Verbote bestimmter Praktiken, ergeben sich Hinweise, wie zum Beispiel den Glauben der Sachsen an striga.

Karl der Große erließ diese Verfügung aufgrund eines gewissen Unbehagens gegenüber dem anhaltenden Glauben der Christ*innen (viele gerade erst zwangsgetauft) in Menschen mit vermeintlichen paganen, magischen Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten sollten sich über das Heraufbeschwören von Stürmen, den Gebrauch von Giften bis zu verschiedenen Beschwörungsformeln erstrecken. Auch die striga gehörte dazu.

STRIGA – DIE FLEISCHFRESSENDE HEXE

Kreischeule

Die striga (auch strix oder stria) bezeichnete im deutschsprachigen Raum im Mittelalter und der frühen Neuzeit eine übelwollende Frau, die Magie praktizierte und war im damaligen Sprachgebrauch ein Synonym für ‚Hexe‘. Sie war auch als Mörderin von Säuglingen und kleinen Kindern bekannt. Schon im klassischen Latein bezeichnete striges (deutsche Übersetzung: die Schleier- oder Kreischeule) einen unheilverkündenden Vogel, der menschliche Innereien fraß und ihr Blut trank. Verschiedene Autoren des späten Römischen Reiches verwiesen auf diesen Vogel in ihren Werken. So beschrieb der römische Dichter Ovid (43 v.Chr. – ca. 17 n.Chr.) sie als Raubvögel, die während der Nacht flogen und Kinder in ihren Wiegen angriffen, aufrissen und ihr Blut tranken. Schon im zweiten Jahrhundert n.Chr. wurde die striga mit übelwollenden Frauen, die fliegen konnten, in Verbindung gebracht. Alle Elemente, die im Mittelalter mit dem Begriff striga in Verbindung gebracht wurden, konnten also schon lange vorher in der Literatur gefunden werden. Dementsprechend wurde die striga auch mit Kannibalismus assoziiert, wie auch das von Karl erlassene Gesetz aufgreift.

Bei der Praktik der Tötung und Verbrennung von Hexen durch die Sachsen ging es nicht allein um die Ausrottung dieser, wie es später bei der Hexenverfolgung der Fall sein sollte. Es ging auch darum, das Fleisch der Hexen zu verzehren, um deren Kräfte und Fähigkeiten in sich aufzunehmen. Dieser pagane Glaube – die Tötung von Hexen und Hexern – wurde von Karl als Verführung zur Sünde durch den Teufel gedeutet.

In der damaligen christlichen Sicht war jede*r, der an fleischfressende Hexen* (striga) glaubte, vom Teufel besessen und sollte zum Tode verurteilt werden – nicht die striga selbst! Die Striga, also Hexe*, wurde als germanischer Glauben identifiziert, dem entgegengewirkt werden musste. Aber auch die Personen, die selbst Menschen opferten, oder vermeintliches striga-Fleisch verzehrten, sollten zum Tod verurteilt werden. Menschenopfer, Hexenverbrennungen und ritueller Kannibalismus wurden von den weltlichen und kirchlichen Führern zu der Zeit Karl des Großen abgelehnt.

Aber wann kehrte sich das Bild der Christ*innen ins Gegenteil und sie selbst nahmen die Verfolgung von Hexen auf? Wie kam es zu diesem Wandel? Dies und mehr werden Sie bald in weiteren Beiträgen nachlesen können. Es bleibt spannend!

Nachlesen: Rainer Decker (2003), Die Päpste und die Hexen. Aus den geheimen Akten der Inquisition, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

P.G. Maxwell-Stuart (2004) Striga in, Richard M. Golden (Hrsg.), Encyclopeida of Witchcraft. The Western Tradition, Santa Barbara: ABC-CLIO.

Karl (I.) d. Große, 3. Sachsenkrieg, in Lexikon des Mittelalters, 10 vols (Stuttgart: Metzler, 1999), vol. 5, Sp. 957-958.


Photo by Steve Harvey on Unsplash

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s