DIE NEBEL VOM BROCKEN …

Meine Wanderung auf dem Harzer Hexenstieg.

Ein Gastbeitrag von Paulina Rinne

Hexen und der Brocken, war da nicht was? Ja, der wohl berühmteste Hexentanzplatz, als Ort zahlloser vermeintlicher Treffen von Hexen bereits seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Zur Walpurgisnacht versammelten sie sich dort, um zu feiern und gemeinsam um den Blocksberg zu fliegen… Der brockesberg, auch brochelsberg, wird in zwei Schriften bereits im 14. Jahrhundert als Aufenthaltsort auch von Hexen genannt – so jedenfalls das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Die Hexen hätten sich mit Hexensalbe beschmiert und seien auf verschiedenen Tieren wie Säuen und Böcken, aber auch Besen, Mistgabeln oder Backmulden geritten. Deshalb sei es auch Praxis gewesen, zu Walpurgis alle Besen und Ofengeräte zu verstecken… welche Vorstellungen über diesen Ort verbreitet wurden findet sich in dem Beitrag zur Walpurgisnacht bzw. Beltane im Rahmen der Reihe zu den zeitgenössischen Jahreskreisfesten.

Und wie sieht es heute rings um den Brocken aus? Gerade zur Walpurgisnacht erfreut sich der Ort großer Beliebtheit. Aber eigentlich herrscht dort das ganze Jahr über hexisches Treiben. Die Religionswissenschaftlerin Paulina Rinne machte sich auf den Weg.

HEXEN AUF BESEN WEISEN DEN WEG

Vom 07. bis zum 11. September 2021 wanderte ich mit einer Freundin den Harzer Hexenstieg von Osterode (i.H.) nach Thale. Weil uns die Zeit fehlte, sparten wir uns die erste Etappe und begannen in Buntenbock bei bestem Wetter. Als alte Hexenfans waren wir natürlich ganz vernarrt in die Idee auf dem Weg vielleicht Hexen zu treffen, Fliegen zu lernen und hier und dort etwas Zauberei zu entdecken.

Neben den Unterständen (spitz zulaufende, enge Häuschen), den Wegweisern in Form von kleinen, fliegenden Hexen und kühlen, magischen Bächen (trotz der sonstigen Trockenheit voll mit Wasser), begegneten wir zunächst allerdings vor allem Geröll und steilen Hängen. Praktisch war daran, dass wir immer wieder unsere von der Wanderung geschundenen Füße kühlen konnten. Unpraktisch war, dass wir die Abhänge laufen bzw. stolpern mussten – im Gegensatz zum ersehnten Fliegen: Vielleicht hätten wir das Wasser trinken sollen?

HEXEN IN GÄRTEN UND DRACHEN AUF SCHIENEN

Aufgrund von Baumfällarbeiten wurde unsere Route mehrfach umgeleitet. So verliefen wir uns ziemlich schnell und landeten unglücklicherweise in Altenau, das wir eigentlich überblicken sollten. Dort begegneten uns das erste Mal Hexen (unsere Interpretation), die vor Häusern und in Gärten herumlungerten. Bei näherer Betrachtung wurde uns schnell klar, dass es sich dabei um selbst gebastelte Puppen mit langen Nasen, Falten und Warzen handelte. Wahrscheinlich ähnlich dem Phänomen einer Vogelscheuche nach dem Motto: Haltet Euch fern von meinem Garten!

Weiter ging es durch einige unterschiedliche Vegetationsstufen (Laubwald – Nadelwald – abgeholzter und vom Borkenkäfer befallener Wald – toter Wald – kein Wald bzw. nur Gestrüpp). Auf dem Weg zum Brocken (oder Blocksberg) trafen wir viele Mitstreiter:innen, die sich gemeinsam mit uns die Straße hinaufquälten um oben die Aussicht zu genießen. Das gleiche Ziel und die gleiche freiwillige Tortur verband uns auf magische Art und Weise. Besonders spannend wurde es, als ein riesengroßer fauchender Drache (die Attraktion: Harzer Schmalspurbahn) an uns vorbeiwalzte. Alle waren dankbar für die Pause, zückten ihre Kameras (insbesondere ältere Männer; aber wir auch) und winkten den Vorbeifahrenden.

Harzer Schmalspurbahn

Auf dem Brocken war ich begeistert von der Aussicht: Bei meinen vorhergehenden Besuchen hatte ich nie meine Hand vor Augen erkennen können und diesmal entdeckte ich beinah Göttingen (meine Heimatstadt). Endlich konnte ich den Ausblick genießen und war überrascht über Schilder zur Grenzöffnung, das Tourismusbüro und das Museum. Alles Dinge, die für mich bisher hinter dem Nebel verborgen lagen. Doch von echten Hexen oder fliegenden Besen immer noch keine Spur…

HEXISCHES FLUGELIXIR

Hinunter liefen wir weiter durch ähnliche aber sehr schöne Vegetationsstufen. Die Sonne war wirklich unsere treue Begleiterin und durch sie erschienen uns einige bei Regen und Nebel sicher unheimlich wirkende Gegenden sehr gastfreundlich. So steil und unwegsam wie zu Beginn der Wanderung wurde unser Weg nicht noch einmal. Allerdings hatte uns die Reise zugesetzt und so entfernten wir uns humpelnd, mit Blasen und Quetschungen über Wald, Wiesen und Straßen (ohne Fußwege, dafür motorradmagnetisch) immer weiter von dem höchsten Berg Norddeutschlands.

Am Hexentanzplatz in Thale, also unserem Ziel, angelangt, begeisterte vor allem mal wieder der Ausblick. Beide waren wir uns einig, dass wir hier auch tanzen würden und besorgten uns sogleich im nahe gelegenen Touri-Paradies zwei „Brockenhexen-Flugbenzin“ mit wirklich schönem Aufdruck (fürs Auge). Leider verübelte uns eine Gruppe über 60-jähriger Ehepaare den Aufenthalt. Sie tummelten sich um einen Steinkreis (wohl der Tanzplatz) und insbesondere die Männer drängten sich animalisch um eine Statue mit wallenden Haaren, einer langen Nase inkl. Warze, großen Brüsten und Ratten auf der Schulter. Hier stand also die lang ersehnte Hexe! Die Männer versperrten uns den Weg indem sie den Hintern der Figur gemeinsam betatschten, während die Frauen gackerten, die Männer anfeuerten und Fotos machten. Für die Statue des nackten Teufels mit Pferdefuß interessierte sich natürlich niemand. Uns verging die Lust und wir schleppten uns mit letzter Kraft in die vorgebuchte Unterkunft.

Insgesamt hat uns der Harzer Hexenstieg landschaftlich (besonders bei gutem Wetter) sehr beeindruckt. Im Hinblick auf die geringe Informationslage zu Hexen (nicht mal am Hexentanzplatz gab es irgendwelche Schilder) war unsere Reise hingegen ziemlich enttäuschend. Auch Hexen haben wir nicht getroffen, dafür aber mehrere Blindschleichen, einen Feuersalamander und unangenehme Männer (und Frauen) – letzteres insbesondere auf dem Tanzplatz in Thale. Wer also das Bedürfnis nach Natur verspürt, ist auf dem Hexenstieg genau richtig, wer etwas über Hexen herausfinden will, bediene sich lieber an diesem Blog!

Nachlesen

„Blocksberg“ in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin und Leipzig 1927, Bd. I, Sp. 1423-1428.

Vielen Dank an Paulina Rinne für Ihren Gastbeitrag! Fotos: Paulina Rinne

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