DURCH DIE BLUME GESAGT

Das „X“ markiert die Stelle? Beete mit Frühblühern sollen in der Marburger Altstadt an die Hexenverfolgungen und Hexenprozesse im 17. Jahrhundert erinnern.

BLUMIG GESPROCHEN:

STIEFMÜTTERCHEN AUF DEN SCHEITERHAUFEN?

Gelbe Stiefmütterchen blühen im April 2020 am unteren Steinweg in der Marburger Altstadt. Sie grenzen sich von den gewohnten Begrünungen ab, denn sie sind in einer X-Form angepflanzt.

Ein „X“ – das an die Verbrennung von über 20 der Hexerei beschuldigten Personen aus dem Raum Marburg zwischen 1517 und 1695 erinnern soll – in Form dieser Blumenbeete vorzufinden kann irritieren. Es vereint die Tötungen mit ihrer schillernden Rezeptionsgeschichte in Umdeutung, Aneignung und Neuinterpretation. So bekommt der Blick auf das auffällige Beet mit den hübschen Stiefmütterchen schnell eine bittere Wendung, wenn man den Begleittext des Projekts Magie der Kräuter im Kontext des Themenjahres Andersartig. Hexen. Glaube. Verfolgung liest und sich bewusst macht, auf welche Taten diese Blümchen hinweisen sollen.

Doch im Beet kann mehr stecken: In der Blumensprache gelten gerade Stiefmütterchen, auch Herzenstrost genannt, als Blumen des Andenkens und der Erinnerung. Dabei werden mitunter die einander schützend überlappenden Blütenblätter als Stiefmutter und Töchter bezeichnet oder ihre Anordnung mit Gesichtern verglichen. Sie sind widerstandsfähig und bahnen sich ihren Weg auch durch Schnee und Steinritzen. Vielleicht wie eine Erinnerung, über die nicht so einfach Gras wachsen sollte?

Andererseits nutzte Oberon in Shakespeares Sommernachtstraum die kleinen Blüten auch in einem Liebestrank …